24. November 2009

Ein Traum vor Jahren geträumt (Noesis 3)

Ein Traum den ich vor vielen Jahren einmal hatte. Inklusive Anmerkungen.

Ich war schon ein gutes Stück an der Landstraße entlang gewandert, welche sich durch dieses kleine grüne Tal zog. Frisches Grün der Wiesen und das dunklere Grün der Wälder kühlten angenehm das Bild. Nachdem ich ein paar alte Häuser rechts von mir zurückgelassen hatte, beschloss ich die Straße zu überqueren und in einen sandigen Waldweg einzubiegen. Der Weg stieg erst steil an, flachte sich aber nach einiger Zeit etwas ab, um stetig weiter bergauf zu führen.

(Vielleicht als Beschreibung des bisherigen zu betrachten. Erste Anfangsschwierigkeiten, die Situation anzunehmen, später sich darin so gut es geht einzurichten und den Weg bergauf; und gerade deshalb bergauf als schwierigen und als Entwicklung zu betrachtenden Weg hinzunehmen.)

Nach und nach nahm der Wald mehr und mehr ab, und ging schließlich in eine Heidelandschaft über.

(Die begleitende Fülle und Ruhe eines Waldes weicht einer weniger unübersichtlichen und überschaubaren Fläche, aber auch inhaltsloser, weniger vielschichtig.)

Rechts des Weges begleitete mich eine Reihe Birken und eine Menge Buschwerk. Links fiel der Bergweg rasch ins Tal hinunter und bot sich plötzlich als steile Abbruchkante, welche einen tiefen Fall versprach, wenn man sich nicht vorsah.

(Die Gratwanderung wird hier deutlich, übersichtliches Terrain aber trockene Wüste, auf der anderen Seite des Weges erwartet einen Unvorsichtigen Wanderer der Sturz in unbekannte Tiefen.)

Langsam kam Abwechslung in meine Wanderung. Als erstes kam mir eine Unmenge von Oldtimern entgegen, welche in Halsbrecherischem Tempo an mir vorbeibrausten.

(Viele Ideen und Vermutungen über den Weg ziehen vorbei. Ausgelotet werden diverse Möglichkeiten das Sein zu erklären. Wahrscheinlich aber ist es eher, das sich hier über die Möglichkeiten die man eventuell hat, in oberflächlicher und nicht zu fassender Art auseinandergesetzt wird. Ein Bild, welches einen Einsam am Wegesrand stehenlässt, während alles an einem vorbeizieht und geschieht.)

Das war nett anzuschauen, und ich dachte dabei an eine Rallye. Dann aber wurde es doch seltsam. Vier Mädchen und ein Junge in der Kleidung der viktorianischen Zeit wanderten mir entgegen, über ihnen jedoch schwebte eine Sie begleitende Lokomotive mit dem Dach zum Boden zeigend. Das war ein Schauspiel, und gebannt blieb ich stehen, denn das war schon fast nicht mehr zu glauben. So zogen sie an mir vorbei, und die Lokomotive schwebte mit und der Anblick ließ mich vergessen sie anzusprechen und nach dem Wie zu fragen. Bis ich mich von diesem Vorfall wieder lösen konnte war einige Zeit vergangen und die Kinder samt Lokomotive schon lange aus dem Blickfeld verschwunden.

(Vielleicht werden hier verpasste Gelegenheiten angesprochen, welche so eindringlich eine Entscheidung herbeiführen wollen, weil sie eben so surreal herüberkommen. Das Bild trotzt allen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und Möglichkeiten, hier muss man eigentlich Laut und deutlich „Halt!“ rufen, und sich besinnen.)

So raffte ich mich also wieder auf, und schritt dem Berganführenden Weg weiter, als ich vor mir über eine Kuppe kommend ein neuerliches skurilles Gespann kommen sah.

(Der bisherige Weg hatte immer wieder einschneidende Erlebnisse für den Wanderer bereitgehalten. Er wird es auch weiterhin tun, weil der Weg seinen Wanderer eventuell einen Hinweis geben will. Weil dieser Weg so nicht unbedingt beschritten werden soll. Auch ist der Weg vielleicht selber der Falsche, führt zu einem falschen Ziel oder ins Nichts.)

Eine Gruppe von etwas mehr als zehn Personen trug eine Holzkonstruktion bei sich, welche sie, wie in einer Art Laufgatter, jeden Träger in einer bestimmten Position hielt. Sie liefen auf dem schmalen Weg zu Tal und machten dabei ein merkwürdiges Jap-Jap-Jap Geräusch. Alle durcheinander, so das man den Eindruck von einem schnatternden Vogelschwarm hatte. Ich sah, dass diese Holzkonstruktion doch weitaus breiter als der Weg war, und drückte mich mit meinem Bollerwagen

(Dieses Behältnis für ein paar zu transportierende Habseligkeiten deutet auf einen Mangel an Inhalten. Das was einem wichtig ist, ist durch Kompromisse scheinbar sehr ausgedünnt.)

in das Gestrüpp der Böschung hinein. Da ich nur einfache Sandalen trug, beklomm mich bei dem Gedanken in dem Sand einen Skorpion hervorzuscheuchen, doch ein gewisses Unbehagen.

(Auch hier wieder der Hinweis auf Kompromisse und Rücksichtsnahme, welche aber nicht unbedingt zum Vorteil für den Wanderer scheinen. Die Kompromissbereitschaft führt zu Unbehagen und Angst, Situationen lassen sich nicht „ureigensten Instinkten“ gemäß einschätzen, weil man sich aus der Bahn geworfen genötigt sah.)

Aber diese Stelle schien wohl frei von Skorpionen zu sein, und somit sicher.

Das eigenartige Gespann kam näher, und nun sah ich auch, dass die Männer diese Holzkonstruktion nicht trugen, sondern dass sie an diese im Bauchbereich angeschnallt waren.

(Ein System in dem die Gruppe eingespannt ist, ohne eigene Handlungsfähigkeit. Auszubrechen scheint nicht möglich, ohne dabei die Last für andere zu erhöhen.)

Die Männer konnten sie auch gar nicht tragen, da sie keine Arme hatten.

(Verlust der Handlungsfähigkeit, des Selbstbewusstseins)

Stattdessen hingen aus ihren T-Shirt Ärmeln blau angemalte Armstümpfe heraus, mit denen sie während ihres Laufes und dem unentwegten Jap-Jap-Jap umherfuchtelten als würden sie mit imaginären Flügeln schlagen.

(Der klägliche Rest von Eigenständigkeit strampelt Lustig vor sich hin, bewirkt aber auch nicht mehr als das aufwirbeln eines lauen Lüftchens. Die blauen Stümpfe lassen an die „Blaue Blume“ denken.)

Zudem hatten sie alle einen roten Staubschutz vor dem Mund, und machten so den Eindruck von lustigen Vögeln, welche sie auch scheinbar waren.

(Flucht in Sarkasmus und Ironie!? Vielleicht sich selber nicht mehr Ernst nehmend? Würde?!)

Nun kam hinter diesem lustigen Gespann ein alter völlig mit Wüstensand eingestaubter und verdreckter amerikanischer Schulbus hinterher gewackelt.

(Was will dieses Gefährt aussagen? Ein Schulbus befördert in erster Linie von A nach B. Meistens Schüler, lernende, heranwachsende, ihre Ziele erreichen wollende. Da es sich um einen amerikanischen School-Bus handelt, spielt sich auch das Bild vom American Dream mit hinein. Jedenfalls eine gewisse Spur von einem romantisch verklärten Abbild. Aber dieses Abbild ist verstaubt und trocken.)

Plötzlich hielt dieser Treck an, und aus dem Bus sprangen jede Menge Leute, welche mich an eine Safarigesellschaft denken ließen. Sie sprangen rechts aus dem Bus hinaus in den Sand und schrieen und jubelten Lautstark durcheinander. Stürzten sich in den Sand, wälzten sich und warfen mit den Armen Sand über sich. Ich wollte mir dieses Bild ein wenig genauer ansehen und ging mit meinem Bollerwagen dichter an diese Szene heran. Im flimmern der Mittagssonne sah es im ersten Moment tatsächlich so aus als würde die Safarigesellschaft in einem Schlammverfärbten Wasserloch eine Erfrischung suchen.

(Eine illustre Gesellschaft entsteigt diesem Gefährt. Safari, Entdeckungen, Abenteuer. Das alles im sicheren Versteck des Busses. Leben auf Abstand! Und trügerisch die Labung der verdorrten Seelen. Ein Sandfleck wird immer noch als ausreichender Empfunden, als einzutauchen in das wirkliche durstlöschende Nass.)

Nun fiel mir auf, dass diese Holzkonstruktion mit Leinen an dem Schulbus befestigt war, und dass diese Männer scheinbar den Bus zogen. Männer mit blauen Armstümpfen und rotem Mundschutz und dauerndem Jap-Jap-Jap.

(Hier zeigt sich, das dass gute Leben der Safarigesellschaft nur dadurch in Bewegung bleibt, weil eine Handvoll amputierter Traumtänzer, welche keine eigene Meinung haben dieses Vehikel am Rande des Nervenzusammenbruches vorantreiben. Während die Gesellschaft sich in fragwürdigen Erholungen wälzt, wollen diese Vögel vorankommen. Egal wohin, nur voran!)

Einer der Safarigesellschaft stand mir in seinem Schlammloch am nächsten, und ich fragte ihn was mit den Männern los sei. Er antwortete mir in einem verächtlichen Tonfall, das diese Männer glauben, sie seien kleine Buntpapageien, und würden sie mitsamt dem Bus zum Zielort fliegen. „Die sind so verrückt und glauben das auch!“, sagte er.

(Scheint ein Tenor der Safarigesellschaft zu sein: „Uns geht es so wie es ist eigentlich ganz gut, wir kommen voran, zwar nicht so wie wir es wollen, aber wenigstens etwas. Diese Narren haben uns zwar den Eindruck vermittelt, und tun es immer noch, als würden sie uns zu einem noch viel höherem Ziel bewegen, aber es sind halt arme Narren, da darf man wohl nicht so viel erwarten!)

Einer aus der Gruppe der armlosen Männer hörte dies, und antwortete seinerseits: „Vielleicht könnten sie es ja wirklich, wenn man ihnen nicht immer den Zweifel einreden würde, das sie es nicht könnten!“

So ließen sie mich stehen und widmeten sich wieder ihres erfrischenden Sandbades.

Kopfschüttelnd zog ich meinen kleinen Bollerwagen weiter bergaufwärts und ließ diese bunte Gesellschaft hinter mir.

1 Kommentare:

  1. Ich möchte mal einen Tag in Deinem Kopf sein. Baust Du da Mohn an?

    AntwortenLöschen