26. Dezember 2010

Das Unbehagen im Menschen

Das Leben ist ein nichlineares selbstorganisiertes System, welchem eine fraktale Dynamik innewohnt. Aus der Selbstähnlichkeit heraus entsteht der individuelle Gedankenpfad, mischt sich im, und durch den sozialen Kontext und gebiert dem Grundmuster folgend jene Bedeutsamkeiten, welche erst im zweiten Schritt als kausal linear folgend eingeordnet werden.
In der Rückschau sieht man die Verzweigungen im Entscheidungspfad als lineares Produkt von Bedeutungsinhalten, welche sich aus der Umwelt und vorhandenen Prägungen im Geist entfalteten, jedoch sind sie im Entstehungsprozess nichtlinear.

Ähnlich wie im Doppelspaltexperiment, befinden sich die möglichen Entscheidungen im Zustand der Superposition. Der soziale Kontext allerdings, engt die Wahrscheinlichkeiten weiter ein, und es entsteht eine Interferenz der möglichen Entscheidungen. Erst im Moment einer klaren Definition wird die Entscheidung festgelegt. Daraus kann man schließen, dass sich das Individuum grundsätzlich mit seinen Entwicklungsmöglichkeiten im Zustand der Superposition befindet, und erst durch Prägung eine Interferenz im Denkmuster anerzogen wird, um dann im täglichen Gebrauch präzisiert zu werden.
Auch wenn die letztendliche Entscheidung scheinbar unabhängig von den nicht zum tragen gekommenen Wahrscheinlichkeiten und Superpositionen definiert wurde, so beinhaltet sie doch - durch Verschränkung - die Historie ihrer gesamten möglichen Entwicklung. (Ich vermute das sich daraus auch eine Erklärung für Synchronizitäten ableiten lässt.)
Aus diesem Grund ist die Eingangs erwähnte fraktale Dynamik nicht ein System aus vielen Komponenten, sondern ein einzelnes, und deswegen kann es auch nur sich selbst ähnlich sein. Da es alle möglichen Wahrscheinlichkeiten und Superpositionen in sich vereint, kann es sich daraus selbst organisieren.

Die wenigsten Entscheidungen im Leben werden bewusst getroffen. Allzu oft sind es Notwendigkeiten und vermeintliche Konsequenzen die den Menschen antreiben, unbewusste Denk- und Verhaltensmuster drängen uns voran, lassen uns zum Spielball der Gezeiten auf dem Lebensweg werden. Ein Lebensweg der aus einer anderen Perspektive eher dem taumeln eines Betrunkenen gleicht. Es sind jene Denkmuster (kulturelle Interferenz), welche uns wie im bekannten Höhlengleichnis Platons, unfrei und von Projektionen gesteuert sein lassen.  
Die Menschen ahnen das etwas nicht stimmt, da ist ein „Unbehagen“ wie Freud es einmal sagte. Man streitet, neidet und verspottet diejenigen, welche versuchen dem Chaos eine bewusste Bedeutung beizumessen die letztlich auch nur eine neue Höhle mit ihren Projektionen entstehen lässt.
Andere Ebene, gleichwertiges Niveau.

Wie jedes aus mehreren Einzelteilen bestehenden Systems, seien es nun die vielen Neuronen welche die Gesamtheit des Gehirns und der damit verbundenen Komplexität des Denkens darstellt, oder auch - auf der nächsten Ebene - die Individuen der Gesellschaft die Komplexität dessen was Kultur genannt wird, jedes System steuert unter entsprechenden Voraussetzungen auf einen kritischen Punkt hinaus, in denen die getroffenen Entscheidungen in einen selbstzerstörerischen Prozess umschlagen können. In diesem Zusammenhang ist es unbedeutend, ob die Selbstzerstörung tatsächlich gegen das handelnde Individuum selbst gerichtet ist, oder jenes beim anderen Schaden anrichtet.

Neuronale, aber auch Gesellschaftliche Zusammenhänge oder Vernetzungen, befinden sich stets in einem kritischen Zustand, wodurch die Gefahr besteht, das bestimmte Veränderungen schnell in einen überkritischen Zustand münden und sich in einer Kettenreaktion unter den Individuen fortpflanzen. Grundsätzlich ist dieser kritische Zustand weder positiv noch negativ zu bewerten. Man könnte vermuten, dass es dieser Anspannung - ähnlich einer gespannten Feder - bedarf, um eine Bewegung spontan zu ermöglichen. Je komplexer die verschiedenen Ebenen eines Systems, oder einer Gesellschaft vernetzt sind, desto kritischer ist der Grad der Anspannung.

Das menschliche Gehirn ist ein soziales Gehirn. Es unterscheidet nicht zwischen innerer und äußerer Erfahrung. Es unterscheidet nicht zwischen dem was man selber zu anderen sagt, und was andere zu einem sagen. In beiden Fällen spiegelt es das Verhalten (Sprache, Tat) als eigenes Erleben zurück.
Beleidigungen, aber auch Komplimente, wirken in gleichem Maße.
Du und Ich werden in dem Moment eins. Hier manifestiert sich auf neuronaler Ebene ein Grundzug der Verschränkung, wodurch der Mensch zum ahnungs- und gedankenlosen Schöpfer einer Selbstorganisation in der Interferenz wird, die entweder in Richtung eines gemäßigten Systems oder eines überkritischen Systems tendiert.
So wie der beobachtende Forscher letztlich als Teil der Versuchsanordnung unbewussten Einfluss auf das Ergebnis nimmt, kann sich der einzelne Mensch auch nicht als unabhängig und außen stehend von der Gesamtheit betrachten.

Tatsächlich aber betrachtet sich der Mensch auf diese Weise. Zu seiner Entlastung kann man aber sagen, das es sich dabei nicht um eine aktive bewusste Betrachtung seiner selbst handelt. Hier greift das Prinzip der Selbstähnlichkeit eines Gedankens, der nur sich selbst, unabhängig von seiner Umwelt sieht.
Das Einzelne formt das Ganze, und das Ganze formt das Einzelne.
Eine sehr abstrakte Version der Frage nach der kausalen Aufreihung von Ei und Huhn, wenn man so will.
Lässt man nun aber die Kausalität außen vor, welche letztlich auch nur der Versuch einer Annährung sein kann, sieht man, dass die Dinge nebeneinander Existieren können ohne wirklich getrennt zu sein. Das verbindende Element in diesem System ist dann die Bedeutung (Selbstähnlichkeit) und nicht die zeitlich kausale Anordnung von Aktion und Reaktion.

Ein System von kulturellen und sozialen Normen bilden Quasi das Spalier in dem der Mensch handeln und entscheiden kann. Die sog. Meme und Memplexe filtern die Wahrnehmung und bilden die Grundlage der Interferenz der Denkmuster. In unserer Wahrnehmung können fördernde Meme enthalten sein, aber auch destruktive hemmende. Die Prägung durch unsere Umwelt bestimmt in welchem Verhältnis die fördernden und hemmenden Anlagen zum tragen kommen. Sind die fördernden Meme in der Mehrzahl vorhanden, so entscheiden wir unbewusst bewusst nach dem Prinzip der Selbstähnlichkeit fördernd, positiv und lebensbejahend. Sind die hemmenden Meme in der Überzahl, sind wir gehemmt das volle Spektrum der Möglichkeiten zu erfassen und engen uns ein. Das Leben lebt sich letztlich selbst. Dem jeweiligen inneren Muster folgend.
Einengende Muster allerdings, lassen kaum Platz für relativierenden Ausgleich.
Dieses destruktive System organisiert sich in seiner Tendenz hin zu einem überkritischen System, welches mehr und mehr seine Umwelt mitreißt und auch die Umwelt das destruktive im Individuum potenziert und letztlich das gesamte System ins Chaos stürzt.

Schaut man sich die gesellschaftlichen Verhältnisse der letzten Jahre im globalen aber auch beim einzelnen Menschen an, so kann man ahnen, das die Verschränkung Einzelwesen und Gruppendynamik einen immer höheren Grad der selbstorganisierten Kritizität erreicht hat.
Auf einzelnen Schauplätzen fangen erste Systeme schon an in ein selbstzerstörerisches und destrukives Chaos zu stürzen.
Im Kleinen wie auch im Großen. Einzelschicksale wie skrupellose Gewaltorgien unter Jugendlichen, wie aber auch auf anderer Ebene, mittels terroristischer Taten bis hin zu den Veränderungen im Weltklima.

Was aber ist das Unbehagen im einzelnen Menschen, welches sich in der Kultur als so destruktiv erweist und das System auf diese Weise organisiert?

Da der Mensch ein soziales Wesen ist, braucht er auch die Interaktion mit seiner sozialen Gruppe. Da ein Mensch ohne die soziale Gruppe nicht dauerhaft existieren kann, ist es entsprechend wichtig das Wohlwollen der Gemeinschaft auf seiner Seite zu haben. Also in seinem Dasein aus sich selbst heraus Wert und durch die Gruppe in diesem Wert bestätigt zu werden.
Es ist ein evolutionäres Grundbedürfnis des Menschen. Je komplexer und spezialisierter die Gesellschaft wurde, desto mehr bildeten sich Hierarchien in der Wertigkeit der Gruppenmitglieder heraus. Dieses hierarchische System begann in der Folge in seiner Komplexität eine selbstorganisierende Dynamik zu entwickeln, in dessen Folge die Bewertungsmuster anfingen abstrakt zu werden. Zu dem Wert aus dem Sein, gesellte sich der Wert aus Besitz oder Verdienst, also aus dem Haben. (An dieser Stelle kann ich die Lektüre von Erich Fromm „Haben oder Sein„ empfehlen.)
Plötzlich ist das Mem des Werten und Unwerten Lebens in der Welt.
Und an dieser Stelle befindet sich das Unbehagen des Menschen in der Kultur.
Nicht Wert zu sein, bedeutet Unwert zu sein. Der Mensch empfindet dieses als Makel, als Schuld. Um sich seiner vermeintlichen Schuld zu entledigen, beginnt der Mensch ein Muster von Verhaltensmemen zu entwickeln, welche darauf abzielen sich selbst zu erhöhen in dem er andere erniedrigt, oder aber in dem er an das Mitgefühl anderer durch demütiges Verhalten appelliert.
Verhaltensweisen die dafür sorgen sollen, nicht von oben getreten zu werden, und selber nach unten zu treten. Schaut man sich dieses Spielchen von einer höheren Warte an, so sieht man eine subtile Komplexität aus emotionaler Erpressung, Verteidigung, Rechtfertigung, Vergewaltigung, Rache und Hass. Hinzukommend ein ständiges Spekulieren über die Befindlichkeiten und Motivation seiner Umwelt.
Entkoppelt und somit ein unpersönliches Prinzip von Schuld- und Unschuldszuweisung.

Das ist das Unbehagen! Die Gefahr immerzu verantwortlich gemacht werden zu können für einen Makel, eine Schuld, die im Grunde nicht wirklich existent ist.
Deswegen nicht wirklich existent, weil es sich nur um eine Interferenz eines Memplexes handelt, und der Mensch nur aus diesen Vorgaben der Wahrscheinlichkeiten wählen und eine Entscheidung treffen kann.
So wie man durch eine rote Brille die Welt nur im Spektrum von Rottönen wahrnimmt, sieht man mittels des Schuldfilters im Denken auch nur Variationen von Schuld. Man muss bedenken, es ist zuerst meine Wahrnehmung die mich Entscheiden lässt, ob ich mich angesprochen fühle oder nicht.
Durch das selbstorganisierende Denksystem meiner Wahrnehmung, bin ich letztlich gezwungen so zu Entscheiden wie ich eben entscheide.
Dieses Denksystem scheint tief im menschlichen Unterbewusstsein und auch seiner Spiritualität angelegt zu sein. In nahezu jeder Religion findet sich in dem Verhältnis zwischen Menschen und Göttern dieses Schuld vs. Unschuld Prinzip.
Damit verbunden auch die Erlösungsvorstellungen, Sündenvergebung, Opferungen zur Besänftigung eines zürnenden Gottes.

Wir haben einen Grad von Hysterie erreicht, welche jede Handlung und jedes Wort als einen persönlichen Angriff auf Leib und Leben wertet.
Wie in Hanekes „Das weiße Band“ merken es die Kinder und Jugendlichen unbewusst zuerst, und nehmen mit ihrem Verhalten die Entwicklung zum Chaos vorweg.

Jeder einzelne sollte sich Fragen, ob wir unsere Automatismen nicht auf den Prüfstand stellen sollten, um unsere Wertvorstellungen zu korrigieren, damit in unserer Kultur wieder mehr Behagen einkehrt.

Denn: Schuld existiert nicht!



Nachtrag:

Ich weiß das dieser Gedankengang abstrakt und reichlich komplex ist.
Ich behaupte nicht, das es sich tatsächlich so verhält, mir selbst aber erscheint es als eine schlüssige Theorie. Bevor also in den Kommentaren vorschnell eine Kultur der persönlichen Erhöhung auf Kosten anderer niedergeschrieben wird, lieber noch mal eine Nacht drüber schlafen.