23. Juli 2011

Die grüne Frau



Es ist schon spät im Jahr, die Wärme des Tages vermag die hereinbrechende feuchte Kühle des Abends nicht mehr aufzuhalten. Die Welt ist ruhig geworden, die leuchtenden Farben des frühen Jahres verblasst, aufkommende Dunkelheit. Dormi hat einen langen Weg hinter sich und steigt nun grübelnd und mit trauerndem Herzen einen abschüssigen Waldweg hinab.
Der Weg endet an einem von Bäumen umsäumten Teich, ein Steg reicht einige Meter auf das Wasser hinaus.
Langsam betritt Dormi die knarrenden Holzbohlen, geht bis ans Ende des Steges. Die ganze Schwere in seinem Herzen breitet sich aus, und er muss sich setzen.
Er schaut umher und horcht in die Umgebung hinein. Ein leichter Wind lässt die Bäume rauschen, in kurzem Abstand fließt Wasser über Stufen in den Teich hinein. Zwischen den Bäumen und über dem Wasser schwirren vereinzelt Glühwürmchen. Sonst ist alles ruhig.
„Kannst du mich hören?“, vernimmt Dormi plötzlich eine sanfte Stimme.
„Es ist wirklich dringend!“, spricht die Stimme weiter. „Das Ende ist nahe!“

Dormi schaut sich um, versucht im Halbdunkel des Waldes den Urheber der Stimme ausfindig zu machen. Da er niemanden erkennen kann, vermutet er eine Sinnenstäuschung aufgrund seiner inneren Aufgewühltheit.
Noch immer schwirren die Glühwürmchen über dem Teich, ihr leuchten spiegelt sich auf der Wasseroberfläche. Und doch hat Dormi den Eindruck, das sich das leuchten der Tiere verstärkt hat. Wahrscheinlich ist es aber nur eine Nuance dunkler geworden und seine Augen empfinden es nun intensiver.
„Dormi, kannst du mich hören?“, ist die Stimme wieder zu vernehmen.
Und eindringlich setzt die sanfte Stimme hinterher: „Es ist wirklich wichtig das wir miteinander reden!“
In dem Moment strahlen die vermeintlichen Glühwürmchen in einem hellen blauen Licht auf. Eines schwebt nun direkt vor seinem Gesicht. Staunend sieht Dormi die filigranen Schlieren im inneren des leuchtenden etwas.
„Sprichst du zu mir?“, fragt Dormi zaghaft.
„Ja,“ antwortet das Licht, „denn das Ende ist nahe!“

Dormi hat Angst, die Ankündigung des baldigen Endes lässt ihn vom Ende des Steges zurückschrecken.
„Hab keine Angst, Dormi.“, besänftigt ihn die Stimme,  „Es ist nicht das Ende, welches du vermutest.“
Wieder schwebt das Licht direkt vor seinem Gesicht, erhellt die Haut mit seinem sanften blau.
„Wer bist du?“, fragt Dormi.
„Ich bin Alles. Ich bin Du, bin der Wald und das Wasser. Ich bin Teil von allem was lebt, bin die Kraft in dir. Du spürst mich, wenn du dich in Leidenschaft den Dingen hingibst, wenn du liebst.“
Dormi muß schlucken, ein trauriger Kloß sitzt in seinem Hals.
„Ich spüre dich sagst du?“, findet er mit zittrigen Worten seine Sprache wieder.
„Ich spüre nur unendliche Trauer. Meine Leidenschaft hat nie ihr Ziel finden können, wurde immer nur enttäuscht.“
Ruhig schwebt dieses Alles vor seinem traurigen Gesicht, spricht mit durchdringendem Frieden: „Mein armer Dormi, es ist ein großes Licht in dir. Aber du stehst dir selber im Weg, die Strahlen finden nicht in die Welt derer, die du zu finden suchst.“
„Warum nicht?“, schluchzt Dormi.
„Das was dir im Wege steht, ist deine erlernte Vorstellung davon, wie etwas zu sein hat.
Alles in dir dreht sich nur um die Idee, wie dein Leben gelebt sein soll, wie andere in diese Idee hinein zu passen haben. Weißt du ob das, was du unbewusst aber auch bewusst erwartest, innerhalb des Erfahrungshorizontes der anderen liegt?
Bevor du andere also zum Erfüllungsgehilfen deiner Erwartung degradierst, zu einem Funktionsträger, frage dich erst einmal, ob du an deren Stelle nicht überfordert wärst.“

Die Worte sind provokant, aber Dormi fühlt, das sie nicht an seinem Schuldgefühl rühren wollen. Und weiter spricht sie: „Du hast keine wirkliche Schuld daran, denn den anderen Menschen geht es nicht anders wie dir. Auch sie folgen ihrer Vorstellung von: Wie etwas zu sein hat!.
Und mit all diesen individuellen Erwartungen laufen die Menschen Ideen hinterher, die jemand anderes kaum erfüllen kann. Das Misstrauen ob der Absichten meines Gegenübers steigt, man beginnt zu spekulieren, sich in abstrakte Gedankengebäude hineinzuversteigern.“
Dormi versteht, und sagt: „Ich beginne zu ahnen was du mir vermitteln möchtest. Es stimmt, die enttäuschten Erwartungen sind nicht wenige, und es schmerzt sehr.“
„Ich weiß, du möchtest endlich ankommen. Wir können von vielen Enttäuscht worden sein, begehe nicht den Fehler deshalb allen misstrauisch zu begegnen. Verlange nicht eine Bewährungszeit ehe du dich entscheidest. Wir können nicht in jeder Lebenssituation den Erwartungen anderer gerecht werden.
Entscheide dich! Spekuliere nicht! Liebe, oder liebe nicht!
Denn wenn du spekulierst und zauderst, spielst du auch mit der Hoffnung des anderen.
Du spekulierst nur in deinem Ego über das vermeintliche Ego des anderen, ohne ihm wirklich eine eigene Wahrnehmung zuzugestehen. Das ist nicht fair und versetzt den anderen in dieselbe Situation wie dich. Es säht Zweifel, Selbstzweifel.
Der Kreis schließt sich, und jeder steht sich selbst im Weg.“

Dormi hört die Worte und in ihm steigen Erinnerungen hoch. Erinnerungen an all die Zwänge und Kämpfe in seinem Herzen. Waren es wirklich seine Kämpfe? Oder folgte er nur den Wegen, die andere ihm vorgezeichnet hatten, von denen er meinte sie gehen zu müssen?
Hatte er selber andere schon erpresst, weil sie seinem Ideal nicht gefolgt sind. Wurde er selber auch schon erpresst, weil er nicht den Erwartungen gerecht wurde? Ein großes „Ja!“ stieg als Erkenntnis in ihm auf.

Ein brennender Schmerz auf seiner Brust riß Dormi aus seinen Gedanken. Er öffnet sein Hemd und sieht eine leuchtende Narbe über seinem Herzen, welche sich ausdehnt und länger wird.
„Das ist das große Licht in dir, welches in seiner Reinheit für dich wirkt, wenn du dich von den überholten Vorstellungen befreist.“, spricht es zu ihm.
„Aber dann bin ich den anderen Menschen doch völlig ausgeliefert. Sie können mit mir machen was sie wollen!“, ruft Dormi mit verzweifeltem Blick auf seine Brust.
„Dormi, ich rede nicht davon, das du eine Puppe bist, mit der ein anderer spielen kann. Sieh nicht weg, wenn deine Wünsche und Träume nicht erfüllt werden. Sieh nicht weg, wenn man dir sagt du hast zu funktionieren. Sieh hinein in das was deine Bedürfnisse sind. Formuliere sie, spreche sie aus, stehe zu dir und deinem Wert. Nicht zu dem Wert den andere dir beimessen. Das ist ein Ziel welches du, aber auch andere, nie erreichen wirst, der Hunger der Ideen ist unermesslich. Wertschätzung beginnt mit dem Zulassen von Andersartigkeit.
Mit dem Zulassen beginnt auch der Kampf gegen Andersartigkeit zu schwinden.“

Die leuchtende Narbe auf Dormis Brust ist wieder verschwunden. Eine entspannte Ruhe hat sich in ihm ausgebreitet, die Trauer ist nur schwach zu vernehmen.
„Aber bin ich dann nicht ein sturer Egoist, wenn ich meine Bedürfnisse in den Vordergrund stelle?“
„Wenn du deine Bedürfnisse als mögliche Option in den Raum stellst, die von anderen angenommen werden darf, dann nicht! Folgst du aber der Vorstellung, dass der Mensch der Idee zu folgen und zu dienen hat, dann setzt du dich über den freien Willen des anderen hinweg. Ich will dir zeigen was mit dir passiert, wenn du diesen Weg des inneren und äußeren Zwanges weiterhin beschreitest.“

Die Umgebung verändert sich plötzlich. Dormi sieht sich selber als alten Mann mit zotteligen grauen Haaren und einem verbissenem, von frustrierten Falten gezeichnetem Gesicht, auf einer Theaterbühne in einem Rollstuhl sitzen. Die Bewegungen sind hektisch, ebenso die stammelnde Stimme, welche dem Publikum etwas, vielleicht sich selbst und sein Leben, erklären möchte. Traurig und frustriert verlässt er die Bühne. Das Publikum applaudiert, obwohl die Aufführung in Dormis Augen schlecht war. Wahrscheinlich haben die Theatergäste nicht hingesehen.
Wieder verändert sich die Szenerie. Dormi steht nun oberhalb einer Art Stausee, umrahmt von steilen Berghängen. An beiden Seiten des Sees stehen Türme, welche Wasserseitig offen sind, so dass man in das innere schauen kann. In jedem Stockwerk des ersten Turmes spielen sich in den Zimmern Szenen des Zwanges und der Schuld ab. Auf einer Art Galerie auf dem Dach des zweiten Turmes befinden sich all jene Menschen, die ungerechtfertigt angegriffen und verletzt wurden. Sie schauen auf den See hinab, dort schwimmen ihre halbierten Körper und über dem See klingen die Stimmen und Argumente derer, die sie angriffen, wie ein undurchdringlicher Nebel. Der Nachhall der Anschuldigungen und Schuldzuweisungen reicht bis zu Dormi hinauf.

„Siehst du nun wohin das alles führen kann, Dormi? Siehst du auch woher es kommt?“, weckte ihn die Stimme wie aus einem Traum.
„Das ist das Ende des alten Weges,“ fuhr sie fort, „du musst nun einen neuen Weg beschreiten. Befreit von den alten Mustern. Frei für wirklich eigene Entscheidungen.“
„Wohin wird mich dieser neue Weg führen?“, fragt Dormi noch zweifelnd.
„Dieser Weg hat kein wirkliches Ziel, du kannst die jeweiligen Ziele mit jedem der dir begegnet neu aushandeln, wenn du weißt was dir wirklich wichtig ist. Dann enthebst du dich dem Zwang eine Rolle zu spielen, dann übernimmst du wirkliche Verantwortung für deine Entscheidungen und dein Handeln. Weil du es willst, nicht weil du es musst!“
Gerade wollte Dormi auf diese Worte einen Einwand entgegnen, als ihn die Stimme unterbricht. „Nein, Dormi. Du sollst nicht gleichgültig sein. Und du sollst auch keiner Gleichgültigkeit begegnen. Jedes Bedürfnis hat Wert, und wer diesen Bedürfnissen mit Anerkennung und Liebe aus freier Entscheidung entspricht, derjenige tut dieses dann auch mit der Gewissheit des Richtigen. Dann gehst du diesen Weg auch nicht alleine!“

Ein langer Korridor. Dormi fährt auf einem Förderband wie man ihn von Großflughäfen kennt hindurch. Vor ihm hockt eine junge Frau und singt mit einer freundlichen Stimme ein Lied, welches ihm das Herz anrührt. Am Ende des Korridors steigen sie beide von dem Band und betreten einen freundlich angelegten Platz. Sie trägt einen hellgrünen Umhang und ein ebensolches Kopftuch auf dessen Stirnseite in strahlendem Weiß die Worte „Ich liebe Dich“ eingestickt sind.
Sie schaut Dormi tief in die Augen und ihre freundliche Stimme sagt:  
„There's no reason for tears in the night! If you would think I'm far away from you, I've never been. I'll see your inner light through all the times and spaces, and you could know, I'm always 'round you, to help you grow and grow with you. That's why I'll love you.“
Eine unglaubliche Leichtigkeit, ein tiefes Vertrauen erfasst Dormi. Plötzlich bemerkt er das sich jemand sehr großes neben sie beide gestellt hat. Er schaut hinauf, da steht ein Riese von einem Mann und schaut gütig auf sie beide herab.
Sie sagt: „Geh du nur voraus. Wir folgen dir!“
Dann reicht sie Dormi die Hand und sagt: „Komm Vigil, wir gehen jetzt zusammen!“
„Aber ich heiße doch Dormi!“, sagt er staunend.
„Jetzt nicht mehr!“, antwortet sie lachend.